13 | James Joyce Reloaded

Diese ganze Urheberrechtsdiskussion schlägt ja derzeit große Wellen und ich kann da ehrlich gesagt nicht ganz folgen: das hatten wir doch alles schon! Einmal, als das schöne schwere Tonband von der Kassette abgelöst wurde. Da war der Aufschrei der Industrie groß, der Untergang der Plattenkultur wurde vorhergesehen.

Und tatsächlich haben wir auf die kleinen Plastikbänder aufgenommen, was das Zeug hielt. Ich stelle immer wieder mit Erschrecken fest, das meine in allen möglichen Kisten und Kästen verbrachten Tapes wohl immer noch die Anzahl meiner CDs weit übersteigt… Und trotzdem ist die Musikindustrie nicht untergegangen und kein Künstler verhungert.

Dann kamen die CDs, das gleiche Spiel. Dann die Leer-CDs und die Brenner, da wurde es noch schlimmer. Und was ist passiert? Es wurde gebrannt und kopiert, was das Zeug hält und die Musikindustrie hat es ,Überraschung, überlebt.
Die Lösung war immer die gleiche: Bei jedem neuen technischen (Kopier-)gerät wurde eine GEMA-Abgabe eingeführt, die wir alle mit dem Gerätekauf zahlen und die an die Künstler und Verlage ausgeschüttet wird.
Warum das mit dem Internet nicht genau so gehen soll, ist mir ein Rätsel…

Jetzt aber zur Sache: dieses Jahr sind die Urheberrechte von James Joyce frei geworden und schon stürzen sich unsere öffentliche-rechtlichen Radioanstalten auf den guten alten Ulysses und wetteifern um die schönste Radiobearbeitung. Gestartet ist jetzt schon das Kulturradio vom RBB, das bis zum Bloomsday eine tägliche Joyce-Lesung ausstrahlt.

Ich kann nur sagen, das ist nicht nur für Fans dieses herrlich verschwurbelten Perfektionisten eine wunderbare Sache. Alle, die schon einmal am Ulysses gescheitert sind, und davon kenne ich einige, haben jetzt keine Ausrede mehr: mit der Lesung bekommt der Text tatsächlich eine ganz neue Dimension, die Erzählebenen werden klarer und besonders der Wechsel zwischen Innen und Außen, zwischen Kopfkino und Erlebten wird beim Vorlesen viel deutlicher. Joyce hat ja selbst immer wieder gepredigt, das man seine Werke, besonders natürlich Finnegan`s Wake, nur laut lesend und singend richtig genießen kann!

Was auch ganz großartig funktioniert ist das parallele Lesen des englischen Originaltextes zur vorgelesenen deutschen Übersetzung. Ich habe das ja früher schon mit zwei Büchern versucht, das ist um einiges schwieriger und langwieriger. Also, ran ans Radio (Internet geht heute natürlich auch) und los geht’s, hier sind die Links:

Und übrigens: Einsteigen kann man jederzeit – richtig Spannen wird es ja doch erst, wenn Leopold auftaucht und die Nierchen für´s Frühstück einkauft…

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Das Foto zeigt den Martello Tower in Sandycove, im Süden von Dublin. Dort beginnt der Ulysses mit den Worten: Stately, plump Buck Mulligan came from the stairhead, bearing a bowl of lather on which a mirror and a razor lay crossed.

3 Kommentare

  1. […] werden die Irrfelsen-Folgen der Ulysses Lesung auf Kulturradio ausgestrahlt. Gleich zu Anfang läuft Pater Conmee an der Südseite des Mountjoy Square entlang […]

  2. […] ja schon verschiedentlich berichtet, zb. hier oder hier, wird meine Joyce-Begeisterung in diesem Jahr durch eine Reihe von kulturellen Großtaten […]

  3. […] konstruiert darin einen vielleicht nicht naheliegenden, aber plausiblen Bezug zwischen Scorsese und Joyce. Beide ziehen ja ihre künstlerische Kraft aus der Auseinandersetzung mit dem Katholizismus. Der […]

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